Gone

Ich habe in meinem Leben noch nicht viele Menschen verloren. Und meistens starben diese Menschen zu einem Zeitpunkt wo ich noch nicht verstand wohin sie gegangen waren. Ich kann quasi an einer Hand abzählen wie viele Menschen, die mir etwas bedeutet haben nicht mehr als Lebende hier auf der Erde weilen.

Das kann man natürlich auch positiv sehen. Klaro, immerhin lebt der Großteil meiner Lieblingsmenschen noch und darum bin ich auch glücklich. Doch Freitag habe ich zum ersten Mal in meinem Leben realisiert, was das bedeutet jemanden zu verlieren, den man über alles liebt. Jemand der mein halbes Leben an meiner Seite und ein vollständiges Familienmitglied. Du magst dich fragen von wem ich hier schreibe. Ich trauere um keinen Menschen. Nein, es geht um meine Katze. Und so lächerlich das der ein oder andere auch finden mag, es ist auf keinen Fall, lächerlich.

Verlust bedeutet etwas zu verlieren, aber wie sollte man eine Katze verlieren? Für mich bedeutet das Verlieren auch eine gewisse Mitschuld daran, denn man muss ja etwas bei sich tragen um es verlieren zu können. Doch meine Katze trage ich in meinem Herzen weiter, also habe ich rein gar nichts verloren. Nicht im Geringsten.

Der Tod, egal in welcher Form er auch bei uns vorbeischauen mag, ist niemals schön. Doch vielleicht sollten wir dem Tod auch mal eine faire Chance geben. Denn ab und zu kann er auch einfach nichts dafür, immerhin ist das sein Job. Die Menschen oder Tiere hier auf der Erde abzuholen und mitzunehmen. Ob er sich diesen Job ausgesucht hat oder nicht, ich stelle es mir auch nicht einfach vor jemanden mitzunehmen, der vielleicht gar nicht bereit ist. Doch diejenigen die den Tod mit offenen Armen empfangen tun genau das was richtig ist. Sie sind bereit. Bereit das anzunehmen was gerade ist.

Die Annahme vom Hier und Jetzt ist schwierig. Das weiß jeder der noch lebt und sich einigermaßen mit sich selbst auseinandersetzt. Selbst ich habe noch Probleme damit anzunehmen was hier grade abgeht. Meine Katze wird nicht mehr auf mich warten, sie wird nicht mehr in meinem Bett schlafen, sie wird sich nicht mehr zu mir in die Küche gesellen weil sie was zu essen ergattern möchte und sie wird nicht mehr da sein um mein Gesicht in ihrem Fell zu vergraben. All das fühlt sich surreal an. Selbst als ich mit meiner Mutter telefonierte und das Haus im Hintergrund sah, es fühlte sich falsch an. Ich wusste einfach, sie ist nicht mehr da.

Was tut man in solch einer Situation? Nachdem ich erfuhr was passiert war brach ich einfach zusammen. Meine Tränen wollten nicht aufhören über mein Gesicht zu laufen. Rotz und Wasser heulte ich. Mein Herz brach und ich verstand nicht was los war. Wieso? Es ging ihr doch gut? Wieso musste sie alleine sterben? Tausende Fragen poppten in meinem Kopf auf und ich fühlte mich verantwortlich dafür.

Ich bin nicht schuld daran!

Ich akzeptiere, dass sie gehen musste!

Ich vergesse sie nicht!

Ich liebe sie weiterhin!

Zwei Tage vegetierte ich vor mich hin. Ich aß, bingwatchte Serien, atmete und weinte. Es fühlte sich gut an einfach verstehen zu wollen was grade passiert. Nichts wird zu erklären sein, was mit dem Tod zu tun hatte. Das wird immer ein Rätsel sein. Einzig können wir versuchen diese Menschen oder Tiere weiterhin in uns leben zu lassen. Nicht um sie festzuhalten. Um sie in Liebe weiterhin als Erinnerung zu haben. Wenn ich jetzt an meine Lucky denke, dann sehe ich das gut, die schönen Momente und alles was mich mit ihr verbunden hat. Ich werde meine Joghurts mit einem Lächeln essen, jedes Schnarchen belächeln und in jeder andere Katze einen Begleiter sehen.

Wir müssen aufhören, nur den Tod eines zu sehen. Denn es gab nicht nur ihn, es gab elf volle Jahre die ein Familienmitglied in unserem Haus lebte. Es gibt nichts besseres als das und deswegen möchte ich nicht, diesen einzelnen Fakt hervorheben. Nichtsdestotrotz ist der Tod ein Teil dieser Erinnerung und das wird er bleiben. Man kann sich für diesen Schmerz entscheiden oder mit dem Schönen die Ehre aufrecht erhalten. Schmerz ist eine Entscheidung unsererseits. Und wir entscheiden wann er aufhört. Es darf wehtun und alle Emotionen dürfen sein, aber das Leiden und baden im Tragischen wählt ein jeder selbst.

Ich entscheide mich für die Erinnerung und die freien Emotionen. Sollte der Schmerz mich doch überkommen, wenn ich heimkehre, dann ist das so. Das ist in Ordnung. Genauso werde ich mich nochmal persönlich verabschieden, denn das habe ich das letzte Mal in der Erwartung getan, dass sie mich empfängt wenn ich wieder da bin. Das tut sie nun an ihrem eigenen Platz und dort muss ich hin.

Sei nicht traurig, das jemand gehen musst. Sag ihm jeden Tag, dass derjenige ein Teil von dir ist, denn das zählt.

Familienmitglieder verlieren wir nicht, wir begrüßen sie nur an einem anderen Ort wieder.

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